Böser Beat-Sync Button

Von DJ Rewerb | DJ Tipps

Beat Sync ButtonDen Porsche erkannte ich am Motorsound, bevor er um die Ecke bog und ich den roten Sportwagen sah. Als der Fahrer beschleunigte, jaulte die Automatikschaltung. Ein Porsche mit Automatik? Diese Kombination kam mir krank vor.

Aber was verstehe ich davon. Für Autos interessiere ich mich ungefähr so viel wie für Häkeldecken oder Briefmarken-Sammeln.

Mein Spielzeug heißt CDJ-2000 – so etwas wie der Porsche unter den CD-Playern. Die verkauft Pioneer neuerdings auch mit Automatikschaltung als CDJ-2000nexus mit zwei Beat-Sync Buttons. Die Beat-Sync-Diskussionen erreicht somit DJs, die mit CD-Playern auflegen.

Jimdo

Mit vielen DJs, die ich kenne, habe ich bereits diskutiert, ob es einem "richtigen" DJ erlaubt sei die Sync-Automatik von Traktor zu nutzen. Damit wird Beatmatching zu einem Kinderspiel, denn bis zu vier Lieder laufen synchron – bis in alle Ewigkeit. Manuelle Korrekturen werden unnötig, das Gehör unwichtig.

Viele meinen, ein professioneller DJ nutzt Beat-Sync auf keinen Fall, sondern macht jeden Übergang von Hand. Warum eigentlich? Ich sage "Ja, Hau drauf" und mache den Mix automatisch, wenn du willst.

Manuelles Beatmatching ist definitiv die große Kunst beim Auflegen. Deshalb kann ich jeden DJ verstehen, der sich das Leben nicht unnötig schwer macht. Trotzdem nutze ich kein Beat-Sync und bevorzuge Hand-Arbeit mit Vinyl. Allerdings lasse ich mich von der Technik der CD-Player unterstützen. Sozusagen das Beste aus beiden Welten.

Soulful Mixing in der Atelier Bar

Vergangenen Samstag Abend: ich spiele ein chilliges Warmup-Set im Grand Hotel. Die Wege für eine Raucherpause sind kurz. Als ich zurückkomme, läuft der aktuelle Song noch genau 2:34 Minuten. Und ich werde nicht einmal nervös, obwohl ich keinen nächsten Song ausgewählt habe.

Im Pioneer CD-Player schaue ich in die Liste der getaggten Lieder und wähle ein Lied aus, das etwas mehr Energie verbreitet. Mit einem Knopfdruck setze ich den gespeicherten Cue-Punkt und bei −1:46 bin ich bereit für den Mix.

Ohne den Übergang jemals unter dem Kopfhörer getestet zu haben, und ohne Beat-Sync-Funktion.

Wie funktioniert dieser Mix, wenn ich beide Songs nie für eine halbe Minute test-gemixt habe?
Ganz einfach: ich weiß, dass der Beatcounter des CD-Players auf eine Nachkomma-Stelle genau funktioniert.

Der Trick mit der BPM-Grenze – Flexibler als jeder Beat-Sync

Mit einem kleinen Trick wird Beatmatching mit CD-Playern so viel einfacher.

Die Geschwindigkeit stelle ich an der Grenze des BPM-Werts ein und mache das auf dem zweiten CD-Player ebenso. Dann noch schnell den Cue-Punkt setzen und ich bin fertig für den Mix.

Den ersten Song habe ich so lange in der Geschwindigkeit erhöht, dass er genau bei 125,7 BPM steht. Diese Prozedur musste ich also nur für den zweiten Song wiederholen, bis der Beatcounter von 125,6 BPM auf 125,7 BPM umsprang.

Dazwischen liegt der Pitchbereich von 0,02 %. Die Geschwindigkeits-Differenz beider Lieder beträgt nur noch Bruchteile von einem Prozent. Das ist fast so gut wie automatische Beat-Synchronisierung, mit dem Vorteil, dass ich manuell eingreifen kann.

Wie du die Pitchregler genau einstellst, beschreibe ich im Blogpost „Beatmatching mit BPM-Counter des CD-Players, super genau“.

Ausgestattet mit dieser unglaublichen Präzision, traue ich mir zu jeden Song mit zehn Sekunden Vorbereitungszeit zu mixen. Denn ich weiß, dass beide Songs über die nächsten 30 Sekunden absolut synchron laufen werden. Ich muss nur minimal korrigieren und benötige keinen Beat-Sync.

Beatmatching mit dem Gehör habe ich jahrelang geübt, verfeinert und zig-tausend Mal live gemacht. Die Geschwindigkeit zweier Songs manuell anzupassen ist für mich die gleiche Selbstverständlichkeit, wie die Nadel auf eine Platte setzen oder im Auto einen Gang hochzuschalten. Ich denke nicht mal mehr darüber nach.

Meine Beat-Sync-Automatik sitzt irgendwo im Rückenmark zwischen Gehör, Gehirn und Nervenbahnen, die meine Hände steuern.

Jimdo

Früher habe ich die Geschwindigkeit jedes Lieds mit Stoppuhr und Taschenrechner ausgemessen. Als mir das zu zeitaufwändig wurde, bastelte ich mir einen Beatcounter. Jede Platte beschriftete ich mit der Geschwindigkeit.

Jimdo

Software wie Mixed-In-Key, Rekordbox und die eingebaute BPM-Anzeige der CD-Player liefern diese Daten heute wie selbstverständlich. Alleine das ist eine Arbeitserleichterung, die jede weitere Automatisierung unnötig macht.

Vinyl-Dinosaurier sind eine aussterbende Gattung

Mit Vinyl habe ich das neue Lied eingecued und dann so lange unter dem Kopfhörer getestet, bis die Geschwindigkeit synchron war. Mit CDs mache ich den Mix ohne vorzuhören und ohne zu testen.

Warum tue ich mir es also noch an Plattenkisten zu schleppen? Weil ich glaube, dass DJing viel mehr ist als zwei Lieder gleichzeitig zu spielen.

Deshalb trainiere ich mein Gehör und lege liebend gerne mit Schallplatten auf. Ich will es nicht verlernen über das Gehör zu beatmatchen. Solange ich Beatmatching von Hand machen kann, bleibe ich flexibel. Ich weiß, dass ich jedes Lied auf jeden anderen Song mixen kann.

Eine Nacht mit 30 % Vinyls verbuche ich als Übung. Und wie ich hier bereits ein paar Mal geschrieben habe: DJing bedeutet vor allem Üben, Üben, Üben.

Das Üben hört nie auf. Denn ich merke – wenn ich einen Monat keine Nadel auf eine Platte gesetzt habe, dann dauert mein Beatmatching mit dem Gehör länger.

Beat Sync, Tempo, Pioneer CDJ 2000 nexusBeat-Sync ist nichts für mich

Weiter oben schreibe ich, dass ich jeden DJ verstehe der Beat-Sync nutzt. Warum auto-synce ich dann nicht selbst? Die Antwort ist einfach: ich lege nicht mit einem Computer auf und habe die Technik gar nicht an der Hand.

Um es kurz zu machen, ein Laptop tötet meine Kreativität und überfordert mich in einer Club-Umgebung. Ich sehe eine Liste mit 100 Hammer-Songs und weiß nicht, welches Lied ich als nächsten Titel spielen soll. Deshalb bevorzuge ich CD-Player und Vinyl. Das Für-und-Wider DJ-Software wäre sicher einen eigenen Blog-Eintrag wert. So viel gäbe es dazu zu sagen.

Bei Laptop-DJs fällt mir auf, dass sie faul werden. Wenn wir gemeinsam auflegen, dann mixen die Laptop-Vertreter gar nicht mehr auf meine Songs, sondern machen einen Break und fangen neu an.

Dabei unterstelle ich nicht, dass sie es nicht manuell könnten. Ich weiß, dass die meisten DJs sehr gut Beatmatchen können. Trotzdem vertrauen sie lieber der Automatik. Es ist einfacher.

Einfacher ist mir nicht gut genug. Zu viel Präzision klingt steril.

Geht es beim Auflegen nicht darum Emotionen zu transportieren? Also ist ein steriler Klang das Gegenteil von dem, was ich als DJ mit der Musik erreichen will.

Mit jedem Mix transportiere ich eine bestimmte Stimmung auf die Tanzfläche. Hängen die Beats leicht hinterher oder eilen sie etwas voraus? Es macht einen gewaltigen Unterschied bei der Energie, die ich auf die Tanzfläche transportiere. Manuell habe ich darüber die volle Kontrolle, das überlasse ich keiner Automatik.

Beat-Counter vs. Beat-Sync

Dennoch ist die automatische Verlockung omni-präsent, bei kleinen und bei großen Gigs.

  • Bei kleinen Gigs, weil man keine allzu große Verantwortung für eine Tanzfläche hat.
    Wen stört es, wenn ich acht Takte aus der letzten Minute loope?
  • Bei größeren Gigs, weil ich mich statt der Monitorbox auf die BPM-Anzeige des CD-Players verlasse.
    Neuer Club, andere Akustik mit ungewohnten Reflexionen der HighHats. Über die Monitorbox hört es sich an, als ob der Beat auseinander läuft. Aber das kann gar nicht sein, weil die Songs die gleiche BPM-Zahl haben. Sagt jedenfalls der CD-Player.

Mit meinem BPM-Counter-Trick komme ich mir manchmal wie ein Betrüger vor. Ich weiß, dass zu dieser Art des Auflegens nicht mehr viel Talent, Musik-Gehör oder Übung gehört.

Macht mich diese Präzision zu einem besseren DJ oder zu einem schlechteren DJ? Modernste Technik macht niemand zu einem schlechten DJ. Es kommt darauf an, das Beste aus den technischen Möglichkeiten herauszukitzeln und sein Publikum zu kicken.

Und wenn das jemand schafft, indem sie/er Musik von Klopapierrollen abspielt, sage ich "Respekt!"

Nur meine 2 Cent

Das sind ein paar Gedanken, die ich mir zu dem heiß-diskutierten Thema Auto-Beat-Sync gemacht habe. Hoffentlich siehst du die Welt aus einer ganz anderen Perspektive. Dann freue ich mich auf deinen Kommentar.

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Über DJ Rewerb

Mein Name ist Thorsten. Unter meinem Künstlernamen DJ Rewerb schreibe ich über das DJing. Denn Auflegen ist viel mehr als Musik abzuspielen. Als DJ beschäftige ich mich mit Musik und Technik bis zu Marketing sowie der geschäftlichen Seite. Dabei will ich dir als virtueller DJ-Mentor helfen.

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